Die Geschichte des Gasthof Adler in Sonthofen

Der Adler über dem Eingang zum Restaurant

1708
Als Schankwirtschaft und Brauerei wird der Adler in bisher bekannten Dokumenten erstmals im Jahre 1708 erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt kaufte J.A. Kegl das Anwesen mit der Hausnummer 2, den Gasthof Adler in der Hochstraße. Der Kaufpreis betrug 7.500 Gulden und umfaßte neben der Bräu- und Wirtschaftsgerechtigkeit auch 2 Kirchstühle in der Pfarrkirche, 4 Bettladen, 200 Pfund Zinn, 75 Pfund Kupfer sowie die sonstigen Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände für den Bräu- und Wirtschaftsbetrieb.1

Zur Bezeichnung des Gebäudes als 'Haus Nr. 2' ist anzumerken, daß es zu diesem Zeitpunkt noch keine auf Straßen bezogenene Hausnummerierung gab, die Häuser also unabhängig von der Straßenzuordnung schlicht nach der Reihenfolge ihrer Erbauung gekennzeichnet wurden2. Daher kann vermutet werden, daß der Adler das zweitälteste Gebäude Sonthofens ist. Da jedoch auch diese straßenunabhängige Nummerierung erst Anfang des 18. Jahrhunderts eingeführt wurde, setzte dies voraus, daß bei der Vergabe der Hausnummer noch Kenntnisse über die z.T. bereits weit zurückliegende Erbauungsreihenfolge vorhanden waren3.

Die Namensgebung der Brauerei, verbildlicht in der zum Ende des 19. Jahrhunderts im BHS gefertigten, eisernen Adlerskulptur über der Eingangstür, leitet sich vom Evangelisten Johannes ab. Die Riege der Evangelisten wurde von den umliegenden Brauereien komplettiert: vom Löwen (Markus), vom Ochsen (Lukas) und vom Engel (Matthäus).4

1769
Aus einer Sonthofener Lokalchronik erfahren wir: 'Am 26. Mai 1769 wurde nach Beschluß der Bäcker und Müller beim Adler-Wirt Matthäus Stich der Handwerks-Tag gehalten'.5 Die Handwerker verständigten sich bei den Handwerkstagen dieser Zeit auf gemeinsame Regeln und Vorschriften, sowie auf Sanktionen bei Ungehorsam - was vor allem die Lehrlinge betraf, die sich, so liest man aus dieser Zeit, oft dem Wanderzwang verweigerten.

1799
Die Hochstraße, die seit dem Hochmittelalter ein Teil der "Oberen Tiroler Salzstraße" war, verwandelte sich in der Zeit der Koalitions- und Napoleonischen Kriege vom Handelsweg zu einer wahren Heeresstraße. Bereits im Sommer 1796, als die französischen Truppen unaufhaltsam nach Süddeutschland vorstießen, brachte die kaiserliche Armee das gesamte Heeresgut aus den schwäbischen Gebieten über die Sonthofener Hochstraße nach Tirol. In den folgenden Monaten wechselten sich österreichische und französische Truppen auf der Hochstraße ab, jeweils mal im Angriff, mal im Rückzug begriffen. Im Frühjahr 1799, als sich die Kämpfe in Vorarlberg neu entfachten, wurden in Sonthofen Durchgangslazarette für die verwundeten kaiserlichen Soldaten eingerichtet. Aus Platzmangel wurden Leichtverwundete in den Sonthofener Wirtshäusern einquartiert, so auch im Adler, beim damaligen Wirt Schratt.6

1836
Im ältesten Grundsteuerkataster der Steuergemeinde Sonthofen von 1836 ist unter HsNr. 2 (Hausname: 'Adlerwirt') ein Franz Joseph Enzensberger als Eigentümer verzeichnet. Er hatte den Besitz laut Brief vom 7.5.1831 mit weiteren Besitzungen von Joseph Schmid von Sonthofen um 10.000 Gulden gekauft.7

1868
Der Adler nebst Brauerei wird vom Wirt Joh. G. Rauschmann geführt; er bietet zehn Zimmer. Der Gasthof und insbesondere die Fremdenzimmer wurden in dieser Epoche meist von Kaufleuten und Händlern genutzt, die zu den großen Viehmärkten kamen.8
Die oben abgebildete Zeichnung des am 9. September 1820 geborenen Sonthofer Malers Max Fuggs vom Sonthofer Viehmarkt stammt aus dem Jahre 18669 und vermittelt einen Eindruck vom Marktgeschehen der damaligen Zeit.

1876
Übernahme des Betriebes durch Josef Holzhei.

1892
Ab 1892 gehörte der Gasthof Adler Herrn J. Frey. Zu dieser Zeit gab es im heutigen Landkreis Sonthofen insgesamt 46 Brauereien - bei einer Einwohnerzahl von 30 000.10 Ursprünglich scheint die Entstehung der Brauereien mit der frühindustriellen Entwicklung Sonthofens, vor allem dem Erz- und Kohleabbau, zusammen zu hängen. So wurde die erste Sonthofener Brauerei, der Hirschbräu, im Jahre 1657 zur Versorgung der Hüttenleute und Köhler errichtet.
Zur Jahrhundertwende waren bereits einige dieser zahlreichen Brauereien aufgelöst worden. Die Brauerei Adler wurde hingegen Anfang der 1890er als gutgehender Betrieb durch die Familie Frey übernommen. Nach dem Tode von Herrn J. Frey übernahm 1896 dessen Witwe den Gasthof; ab 1900 folgten schließlich die Geschwister Frey und 1904 Herrn Rudolph Frey.

1896
In diesem Jahr entstand die Photographie des 'Adlerkönigs' Leo Dorn aus Hindelang die als großformatiger Abzug ab 1967 einen prominenten Platz im neugeschaffenen 'Adlerhorst' einnehmen sollte. Noch heute thront der Hofjäger des bayrischen Prinzregenten Luitpold über dem Stammtisch, mit seinem in die Ferne gerichteten, fast melancholischen Blick; das gerade geschossene "Vögele," wie er zu sagen pflegte, zu seinen Füßen.
Der Allgäuer Schriftsteller Ludwig Ganghofer hat dem 'Adlerkönig' in seinem Buch "Hubertusland" eine ausführliche Passage gewidmet. Darin beschreibt er Leo Dorn als "Mustertypus des prächtigen Menschenschlages unserer Berge" und zitiert ihn wie folgt:

"[...] o fests Schneele hat's gschniebe ghatt im selle Winter, und bis ans Brüstle rauf bin i allweil drin umeinandergstapfet. Aber wie i den Adler amal hon gsehe ghatt, hon i nimmer auslasse. Fleißi hon i umeinandergucket mit'm Spektivle, und wie i seine Weg amal hon ausspekuliert ghatt, hon i a Lämmle aufs Wändle naufgschleppet, und da hon i mir denkt: 'Wart, du Luedersvögele, jetz hock i mi aber eini in Schnee und bleib sitze, wenn mir au glei alle Knöchele wegfriere von die Händ!"11

1909
Die Brauerei wird 1909 in 'Adler Brauerei' umbenannt und von Salomon Karg übernommen; dieser führt sie als Zweigbetrieb der Brauerei Karg in Heimenkirch. Am 30. September 1909 macht der Landwirtschaftliche Verband für Schwaben bekannt, dass im Gasthof Adler eine Verkaufsstelle für Hannoveraner Unstellschweine eingerichtet wurde und dort bereits eine größere Zahl Schweine zur Besichtigung steht.12 Nach dieser Zeit wurde im Adler allerdings keine Schweine mehr gesichtet ...

1934
Sebastian Ganser, Urgroßvater der heutigen Wirtin Alexandra Szennyai, kauft den Adler am 26. März 1934 vom katholischen Gesellenverein Sonthofen und begründet damit die inzwischen 78 jährige Familientradition des Gasthofs Adler. Der Kaufpreis betrug 35.000.- Reichsmark. Im Grundbuch wurde 'das Recht zur Führung eines Bierdepots für Brauerei Karg Heimenkirch' eingetragen. Mitverkauft wurde die zum Anwesen gehörige "Brauerei- und Wirschaftsgerechtsame" (wobei der bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich gewesene Begriff 'Gerechtsame' das Recht oder Vorrecht bezeichnete, mit der man etwas tat, besaß oder nutzte - hier also das Recht zu Brauen und eine Schankwirtschaft zu betreiben).

1945
Die Innenstadt Sonthofens wird durch Fliegerangriffe schwer beschädigt. Der Gasthof Adler erleidet dabei im Gegensatz zu einigen umliegenden Gebäuden zumindest keine schweren Schäden.

1954
Am 1. November 1954 übernehmen Max und Annemarie Ganser den Adler von Vater Sebastian Ganser. Neue Gasträume wie etwa der 'Adlerhorst' werden geschaffen.

1967
Nach dem Tode von Herrn Max Ganser wird der Adler von seiner Witwe Annemarie weitergeführt.
Die Gasträume 'Adlerhorst', 'Bauernstube' und das 'Nebenzimmer' werden verändert und insgesamt renoviert; die Gästezimmer werden erneuert und mit Duschen ausgestattet. Durch das Engagement von Annemarie Ganser entwickelt sich der Adler zu einem zentralen Ort des Zusammentreffens in Sonthofen: Neben der Organisation von Stammtischausflügen und sportlichen Wettbewerben werden auch Lichtbildvorträge im Adler veranstaltet.

1972
Die Mannschaft des HSV Hamburg übernachtet im Adler, bevor sie am 07. Mai 1972 gegen den TSV Sonthofen antritt. Zum letzten Mal dabei: die Fußballlegende Uwe Seeler.

1979
Am 27. und 28. Oktober 1979 wird das 25jährige Geschäftsjubiläum mit 'Stimmungs- und Unterhaltungsmusik' gefeiert. Im Adler gelten für zwei Tage' Preise wie zu Adenauers Zeiten.' Kein Wunder, daß sich auch der gesamte Stadtrat im Gasthof einfindet!

1980
Der Adler wird von Annemarie Gansers Tochter Gabi und deren Ehemann Friedrich Wolf übernommen und bis zur Übernahme durch die vierte Familiengeneration am 1. August 2012 geführt.

1981
Die beiden Gasträume des Adlers werden auf 70 Sitzplätze verkleinert.

1995
Das 40jährige der Seniorchefin Annemarie Ganser wird gleichzeitig mit dem 15jährigen Betriebsjubiläum von Gabi und Friedrich Wolf gefeiert - und die ganze Familie feiert mit.

1996
In der Nacht vom 28. auf den 29.12.1996 bricht Feuer im Dachstuhl des Adler aus. Ursache waren Handwerkerarbeiten an den Wasserleitungen, die zu einem zunächst unbemerkbaren Schwelbrand führten. Der voll ausgebuchte Gasthof wird umgehend evakuiert, die Gäste z.T. barfuß und im Schlafanzug auf die Straße geführt. Aufgrund der schnellen Meldung des Brandes durch Wirtin Gabi Wolf und dank der Effizienz der Rettungskräfte kommt es zu keinen Verletzungen. Der alte Dachstuhl des Gasthofs und die Gästezimmer im zweiten Stock werden allerdings schwer beschädigt.

1997
Im Anschluß an den Dachstuhlbrand werden die Gästezimmer erweitert und modernisiert.

2012
Gabi und Friedrich Wolfs Tochter Alexandra übernimmt den Adler in vierter Generation. Das 60-jährige Jubiläum des Hirschbiers im Adler wird mit Familie Höß-Stückler, der alten und neuen Wirtsgeneration und allen Stammgästen nachgefeiert (tatsächlich beliefert der Hirschbräu den Gasthof Adler zu diesem Zeitpunkt bereits im 62. Jahr mit seinen Bierspezialitäten).

Nachbemerkung

Dem vorstehenden, chronologischen Abriß der Geschichte des Gasthofs Adler liegt eine umfangreiche aber nicht abschließende Sichtung von Sekundärliteratur und Quellen zugrunde. Die hieraus entstandenen Literatur- und Quellennachweise sind nachfolgend nummeriert aufgeführt und können durch Klicken auf die jeweilige Fußnotenziffern direkt aus dem Text heraus eingesehen werden. Nachweise zu den abgebildeten Photographien und Grafiken finden Sie am Ende der Seite. Ausdrücklich gedankt sei dem Heimatdienst Sonthofen, ohne dessen langjährige historische Arbeit zur Lokalgeschichte Sonthofens eine solch umfangreiche und reichbebilderte Darstellung nicht möglich wäre. Des weiteren sei Rudolf Schnellbach vom Fotohaus Schnellbach in Oberstdorf für die Genehmigung zur Abbildung der Photographien unter Jahrespunkt 1967 gedankt.

Bodendenkmal Gasthof Adler Sonthofen

Quellen

1 Bischoff, Dieter, Sonthofen wie's früher war, Sonthofen 1987, S. 135.

2 ebd., S. 26.

3 Vgl. hierzu die historischen Recherchen zur ehemaligen Nagelschmiede, bekannter unter dem Hausnamen "Möggenried-Haus" im Mühlenweg. Dieses Gebäude war 1587 erbaut worden und mit Einführung der Hausnummern mit der Haus-Nr. 11 versehen worden.

4 'Von Adler bis Stern' Artikel zu einem Vortrag von Josef Kirchmann” Allgäuer Anzeigeblatt (07.05.2008), S. 32.

5 Wolfrum, Gerhard, Sonthofen. Festbuch zur Stadterhebung, Sonthofen 1963, S. 40.

6 Hipper, Richard und Aegidius Kolb: Sonthofen im Wandel der Geschichte, 1. Aufl., Kempten: Verl. für Heimatpflege 1978, S. 182.

7 “Grundsteuerkataster der Steuergemeinde Sonthofen, 1836,” Staatsarchiv Augsburg, Katasterunterlagen Rentamt Immenstadt, Kat. 120 I.

8 Hipper, Richard und Aegidius Kolb, Sonthofen im Wandel der Geschichte, 1. Aufl., Kempten: Verl. für Heimatpflege 1978. S. 391.

9 Im Heimathaus Sonthofen befinden sich Druckstock, Lithographiestein und Abdruck eines „Bildprospektes“ von elf Landschaften „Ansichten von Sonthofen und Umgebung“, die Max Fuggs gezeichnet, lithographiert und im Selbstverlag herausgegeben hat.

10 “Um anno 1900 gab es noch 46 Brauereien im Süden,” Allgäuer Anzeigeblatt (31.07.2008), S. 39.

11 Ganghofer, Ludwig: “Adlerjagd,” Hubertusland, Stuttgart: Bonz 1911, S. 59-69. Veröffentlicht auch auf Wissen-im-Netz (zugegriffen am: 23.02.2010).

12 “Bekanntmachung,” Allgäuer Anzeigeblatt (30.09.1909), S. unbek.

Bildquellen

  • Zu 1708 (Adlerskulptur): Visuelles Büro, 2010.
  • Zu 1819: Katasterblatt von Sonthofen aus dem Jahr 1819. Aus: Hipper, Richard und Aegidius Kolb, Sonthofen im Wandel der Geschichte, 1. Aufl., Kempten: Verl. für Heimatpflege 1978, S.471. Original im Stadtarchiv Sonthofen.
  • Zu 1868 (Zeichnung Viehmarkt): Max Fugg: Sonthofer Viehmarkt, 1866. Aus: Wolfrum, Gerhard, Sonthofen. Festbuch zur Stadterhebung, Sonthofen 1963, S. 111.
  • Zu 1892 (Pferdekutsche): Urheber und Datum unbekannt; aus dem Privatbestand der Familie Wolf.
  • Zu 1907 (Prinzregent Luitpold): Hans Deidl, 1907. Aus dem Bestand des Heimatdienstes Sonthofen. Veröffentlicht in: Wolfrum, Gerhard, Sonthofen. Festbuch zur Stadterhebung, Sonthofen 1963, S. 86.
  • Zu 1909 (Zeitungsanzeige "Ferkelverkaufsstelle"): Aus dem Allgäuer Anzeigeblatt, 30.09.1909, Seite unbekannt.
  • Zu 1911 (Aufnahme vom Turm der Spitalkirche): vermutlich Hans Deidl, 1911. Aus dem Bestand des Heimatdienstes Sonthofen. Veröffentlicht in: Bischoff, Dieter, Sonthofen wie's früher war, Sonthofen 1987, S. 19.
  • Zu 1934 (Außenaufnahme): Urheber und Datum unbekannt; aus dem Privatbestand der Familie Wolf.
  • Zu 1937 (Außenaufnahme): Heimatdienst Sonthofen (Hrsg.), "Historische Orte des Genusses" - ein kulinarischer Spaziergang durch das alte Sonthofen, Tag des offenen Denkmals am 13. September 2009, Sonthofen 2009, S. 4.
  • Zu 1937 (Hochstraße): vermutlich Hans Deidl, 1937. Aus dem Bestand des Heimatdienstes Sonthofen. Veröffentlicht in: Bischoff, Dieter, Sonthofen wie's früher war, Sonthofen 1987, S. 29.
  • Zu 1945 (Karte "Kriegsschäden in Sonthofen"): Aus: Hipper, Richard und Aegidius Kolb: Sonthofen im Wandel der Geschichte, 1. Aufl., Kempten: Verl. für Heimatpflege 1978, S. 475.
  • Zu 1949 (Außenaufnahme mit Gerüst): Urheber unbekannt (evtl. Sebastian Ganser), 1949; aus dem Privatbestand der Familie Wolf.
  • Zu 1949 (Außenaufnahme): Photokunst Fabris, Sonthofen, 1949.
  • Zu 1952 (Innenaufnahme "Bauernstube"): Photokunst Fabris, Sonthofen, 1953.
  • Zu 1953 (Innenaufnahme Südwestecke "Bauernstube"): Photo Bechteler, Sonthofen, 1953.
  • Zu 1954 (Postkarte): Franz Milz, Datum unbekannt.
  • Zu 1967 (Gaststättenführer): Foto: Rudolf Schnellbach, in: Hotel- und Gaststättenführer der Stadt Sonthofen, hg. v. Werbeatelier Wurtzky, Druck: Waltenberger, Sonthofen 1968.
  • weitere Bilder aus dem Privatbestand der Familie Wolf.